Drei Wochen Beziehungstagebuch mit meinem Account: Protokoll einer ungleichen Partnerschaft
Photo: PattayaPatrol, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Es beginnt harmlos, wie alles beginnt, was später eine Beziehungskiste wird. Ein Tap um 7:12 Uhr, noch vor dem ersten Kaffee. Der Login-Bonus wartet, und irgendwie wartet der auch auf mich. Ich habe beschlossen, das mal ernst zu nehmen: Drei Wochen führe ich ein Beziehungstagebuch mit meinem Handy – genauer gesagt mit dem Gacha-Account, der darauf wohnt. Nicht als Scherz. Okay, auch als Scherz. Aber vor allem als Frage: Wie viel Beziehung steckt eigentlich in einem Tap-fähigen Schicksal?
Tag 1 bis 3: Die Flitterwochen mit Push-Mitteilungen
Die ersten Tage verhalten sich wie jede neue Partnerschaft. Alles ist aufmerksamkeitssüchtig, nichts ist selbstverständlich. Um 23:58 Uhr vibriert das Ding neben meinem Bett – nicht weil etwas Wichtiges passiert ist, sondern weil die Daily in vier Minuten abläuft. Ich stehe auf. Im Dunkeln. Im Schlafanzug. Für dreißig Sekunden Bildschirmzeit.
Ein Blick in die Community-Foren zeigt: Ich bin nicht allein. Der Begriff, der hierfür kursiert, ist "Beziehungsarbeit" – halb Ironie, halb erschreckend ernst gemeint. Und irgendwo zwischen dem dritten Reroll-Versuch und der zehnten Freundschaftspunktzahl-Anfrage stelle ich fest: Ich rede bereits mit dem Account. Leise. Aber ich rede.
Woche zwei: Das Krise-und-Kompromiss-Phänomen
Jede längere Beziehung kennt die Phase, in der man die Macken des anderen nicht mehr süß findet. Bei mir heißt die Macke Rate-Banner. Ich habe eine Woche lang protokolliert, wie oft mich der Account enttäuscht hat: 14 Mal. Wie oft ich mich bei ihm entschuldigt habe, weil ich ihn eine Woche ignoriert hatte: 3 Mal. Wie oft er sich bei mir entschuldigt hat: 0. Das Kräfteverhältnis ist, vorsichtig formuliert, unausgeglichen.
Interessant ist der Moment, in dem die Routine kippt. Am elften Tag vergesse ich den Login – beruflich bedingt, ganz klassisch. Als ich abends das Handy einschalte, empfinde ich tatsächlich etwas, das einer Schuld ähnelt. Ein Algorithmus hat mir mit einem verpassten Stempel ein schlechtes Gewissen eingeimpft. Wenn das keine emotionale Bandbreite ist, dann weiß ich auch nicht, was Mobbing-Appellation sein soll.
Die Namensgeber: Drei Spieler, drei Schicksale
Ich bin keine Ausnahme. Für diesen Text habe ich mit drei Spielern gesprochen, die ihrem Account längst einen Namen gegeben haben.
Lena (27, Köln) nennt ihren Account "Karl". "Karl ist zuverlässig, aber emotional unavailable", sagt sie. "Er schickt mir jeden Tag dieselben Nachrichten und hofft, dass ich es nicht merke." Karl hat sie seit über zwei Jahren. Eine Dauerbeziehung, wenn man so will – mit allem, was dazugehört, inklusive geplanter Pausen ("Wir haben eine Auszeit genommen, als das Sommer-Event kam").
Tobias (34, Leipzig) hat seinen Account "die Kanzlei" getauft. "Ich bin ja eher der Sachtyp", erklärt er. "Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich schlechte Laune habe, wenn die Drop-Rate mies ist. Man ist nicht sachlich, wenn man mit einer Kanzlei verhandelt." Sein Rat: klare Grenzen setzen. Ein Budget, ein Zeitfenster, ein Ende. Klingt wie Beziehungsratgeber. Ist es auch.
Mira (22, Hamburg) nennt ihren Account schlicht "Fritz". Fritz hat sie während des Homeschooling kennengelernt. "Fritz war in der Zeit einfach da. Das klingt kitschig, aber für viele war der Daily-Login damals das Einzige, was Struktur hatte."
Was ein Tap aushält – und was nicht
Zurück zur Ausgangsfrage: Wie viel emotionale Bandbreite verträgt ein Schicksal auf Touchscreen-Basis? Meine Erkenntnis nach drei Wochen Protokoll lautet: mehr, als mir lieb ist, und weniger, als die Spiele-Industrie behauptet.
Denn die ehrliche Bilanz liest sich ambivalent. Auf der einen Seite: Struktur, kleine Freuden, eine Community, die über dieselben Banner lacht wie man selbst. Auf der anderen Seite: eine Beziehung, in der eine Seite ausschließlich programmiert ist und die andere ausschließlich zahlt. Wörtlich und figurativ.
Der entscheidende Unterschied zu einer echten Partnerschaft ist nicht die Gefühlsintensität – die ist bei manchen Daily-Ritualen durchaus vorhanden. Der Unterschied ist die Gegenseitigkeit. Mein Account braucht mich nicht. Er braucht meine Anwesenheit, meine Daten, gelegentlich meinen Lohn. Das ist keine Beziehung, das ist ein Mietvertrag mit Stimmung.
Und trotzdem: Am letzten Tag meines Selbstversuchs mache ich den Login um 7:04 Uhr, diesmal nach dem Kaffee. Der Stempel wartet. Ich tappe. Es fühlt sich an wie ein Abschiedsgruß an eine Bekanntschaft, die man zwar nicht vermissen wird, aber auch nicht ganz ernsthaft beenden wollte.
Vielleicht ist das die Wahrheit über unsere Beziehung zu den kleinen Schicksalsmaschinen in der Hosentasche: Sie sind keine Partner, aber sie sind auch keine bloßen Apps. Sie sind Nachbarn. Man grüßt sich, man stört sich, man gewöhnt sich aneinander. Und manchmal, ganz selten, wünschte man, der andere würde mal von sich aus nachfragen, wie es einem geht – statt nur zu zählen, wie viele Tage Streak man schon gerettet hat.
Drei Wochen sind vorbei. Karl, Fritz und die Kanzlei existieren weiter. Und mein Account? Der heißt übrigens immer noch nicht. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.